Gestalten statt verwalten – KVBW stellt Maßnahmenpaket zur ärztlichen Versorgung vor

Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg hat am Mittwoch in Stuttgart den Versorgungsbericht 2010 vorgestellt und gleichzeitig ihr Maßnahmenpaket präsentiert, mit dem sie in den kommenden Jahren dem drohenden Ärztemangel im Land begegnen will. Anhand des Versorgungsberichts 2010 gab Vorstandschef Dr. Norbert Metke einen Überblick über die aktuelle Versorgungssituation im Land.

„Nach wie vor hat Baden-Württemberg eine ausgezeichnete ambulante medizinische und psychotherapeutische Versorgung. Gerade im fachärztlichen Bereich gibt es viele Regionen, in denen sich nach wie vor Ärzte nur dann niederlassen können, wenn sie eine bestehende Praxis übernehmen.“ Metke warnte jedoch vor den bereits absehbaren Entwicklung. „Etwa zwei Drittel der Ärzte sind heute 50 Jahre und älter, in den nächsten 15 Jahren werden etwa 60 Prozent aller der Ärzte ihre Praxis übergeben. Wir merken heute bereits deutlich, dass die Bereitschaft des medizinischen Nachwuchses sinkt, sich niederzulassen. Das gilt besonders auf dem Land, aber auch in der Stadt.“

Junge Mediziner scheuen Niederlassung

Der stellvertretende Vorsitzende der KVBW, Dr. Johannes Fechner, erläuterte die Gründe dafür: „Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen hat für die Zurückhaltung des medizinischen Nachwuchses mehrere Faktoren genannt. So scheuen die jungen Ärztinnen und Ärzte vor dem Einzelunternehmertum zurück. Für sie steht vielmehr der Wunsch nach Teamarbeit und Kooperationen auch im ambulanten Bereich im Vordergrund. Eine große Rolle spielt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, insbesondere aber nicht nur vor dem Hintergrund einer zunehmenden Feminisierung des Mediznernachwuchses. Bereits heute sind 60 Prozent der Studienanfänger im Medizinstudium Frauen. Und weiter gibt es einige bürokratische Hemmnisse wie etwa die Angst vor Regressen bei Arznei- und Heilmittelverordnungen. Abschreckend wirken schließlich die finanziellen Risiken einer Praxisneugründung vor dem Hintergrund der fehlenden Planungssicherheit im Bereich der Honorarsystematik.“ Fechner ergänzte, dass die Patienten sich hingegen eine konstante, an eine ärztliche Einzelperson gebundene Betreuung und keine anonyme Versorgung in Großzentren wünschen.

Aktive Rolle der KVBW

Für Metke ergibt sich daraus eine klare Aufgabe für den Vorstand, sich dieser Heraus-forderung aktiv anzunehmen. „Die KV hat den gesetzlichen Sicherstellungsauftrag. Ärzte, Patienten und die Politik, aber vor allem die Menschen im Land haben ein Recht auf Antworten der KVBW, wie sie diese Aufgabe künftig gestalten wird. Der KVBW kommt daher aus Sicht des Vorstands eine wesentlich aktivere Rolle zu, als dies bislang der Fall gewesen ist.“

RegioPraxisBW

Metke stellte das Maßnahmenpaket der KVBW zur Sicherstellung der ambulanten Versorgung im Land vor. ­„Wir haben hier eine Mischung aus eigenen Projekten, die wir selbst initiieren und durchführen sowie aus Forderungen an die Politik. Die aktivere Rolle der KVBW spiegelt sich am besten in dem Projekt RegioPraxisBW wider, das der Vorstand seit Amtsantritt entwickelt hat. Die KVBW wird eigene Ärztezentren intiieren, die besonders auf die Strukturen im ländlichen Raum zugeschnitten sind. Diese Zentren sollen hausärztlich orientiert sein, aber auch Fachärzten wie etwa Kinderärzten die Möglichkeit geben, im Rahmen einer Nebenbetriebsstätte tätig zu werden. Die KVBW will hier nur die Zentren gründen und aufbauen und sie dann an die Ärzte oder an deren Berufsverbände übergeben. Die Vorteile liegen auf der Hand: Der Arzt muss nicht mehr die alleinige finanzielle Verantwortung für die Praxis übernehmen, er kann sie mit anderen teilen. Die Gründung der Versorgungszentren wird organisiert und Hausärzte können ihre hausärztliche Tätigkeit durch eine intermittierende fachärztliche Anwesenheit ergänzen. Die der RegioPraxisBW angegliederte Notfalldienstversorgung erübrigt eine kontinuierliche Präsenz und ermöglicht ein familienfreundliches Arbeitsumfeld für Kolleginnen, begleitet von den Faktoren Klein-/Schulkinderbetreuung u. ä..“

Der KVBW-Vorsitzende spielte damit auf das Ziel, die Rahmenbedingungen der RegioPraxen so zu gestalten, dass diese besonders auch für Ärztinnen attraktiv sind. „Wir wollen hier umfangreich mit den Gemeinden zusammenarbeiten, was beispielsweise die Kinderbetreuung angeht und hier auch die Tagesmüttervereine mit einbeziehen.“ Für die Finanzierung kündigte Metke an, Gelder vom Land, den Kassen und den Gemeinden einzuwerben. „Die Gemeinden könnten beispielsweise kostengünstige Räumlichkeiten zur Verfügung stellen.“

Maßnahmenpaket

Dr. Johannes Fechner erläuterte die weiteren Bestandteile des Maßnahmenpakets: „Wir müssen über eine Reihe von bürokratischen Hemmnissen nachdenken. So gibt es beispielsweise nach wie vor eine Residenzpflicht für die Ärzte, sie müssen also dort wohnen, wo sie auch ihre Praxis haben. Wenn wir das aufheben würden, könnten die jungen Mediziner in der Stadt wohnen und in ihre Praxis auf dem Land pendeln.“ Weiter will die KVBW nach Fechners Angaben verstärkt Ärzte ansprechen, die bereits pensioniert sind, um sie für unterstützende Tätigkeiten zu gewinnen. „Viele Ärzte, die heute ihre Praxen aufgeben, würden gerne weiterhin für Aufgaben zur Verfügung stehen. Also werden wir eine Rentnerforce gründen, die jungen Ärzten mit Expertenwissen beratend zur Verfügung steht, oder auch als Aushilfe einspringt.“

Ein Schwerpunkt liegt auch in der Gewinnung von Nachwuchs. „Die niedergelassenen Ärzte stehen im Wettbewerb mit den Krankenhäusern und der Industrie um Nachwuchs. Wir als KVBW nehmen diesen Wettbewerb aktiv an. Das bedeutet, dass wir die jungen Mediziner bereits während des Studiums verstärkt ansprechen werden, um sie für eine spätere Niederlassung zu gewinnen. Das beinhaltet dann speziell auf die Studenten zugeschnittene Angebote, um ein positives Bild vom Beruf des niedergelassenen Arztes zu vermitteln.“

Großen Wert legt die KVBW darauf, die Gemeinden und das Land mit einzubeziehen. „Hier führen wir bereits mit dem Gemeindetag und der Landesregierung eine Veranstaltungsreihe auf Kreisebene mit den Bürgermeistern und den Landräten durch.“ Schließlich müsse auch die Vergütungssituation verbessert werden. „Wir haben kurzfristig wenig Einfluss auf die Honorarverteilung, die auf Bundesebene vorgegeben wird. Es gibt wenig regionale Spielräume, die wir nutzen könnten. Die Verträge zur haus- und facharztzentrierten Versorgung, die hier in Baden-Württemberg abgeschlossen wurden, haben wichtige Beispiele geliefert wie gemeinsam mit den Kassen nach Möglichkeiten gesucht werden kann, Einsparungen zu erzielen, die dann dem ärztlichen Honorar und damit der Versorgung zugute kommen. Möglich ist das beispielsweise durch eine rigide Verordnung von Generika.“

Verbesserung des Serviceangebots

Abschließend betonte Metke, dass die KVBW ihr umfassendes Know-How im Gesundheitswesen nutzen wolle, um verstärkt Serviceangebote für die Ärzte zu unterbreiten. „In der betriebswirtschaftlichen Beratung, in der Beratung der Praxen in Fragen des Qualitätsmanagements, der Arzneimittelverordnung oder der Abrechnung wollen wir verstärkt unseren Beitrag leisten, damit die Arztpraxen wirtschaftlich gesund sind und der hohe Qualitätsstandard der Versorgung aufrechterhalten wird. Gleichzeitig wird die KVBW ihre Aufgabe als Interessenvertretung ihrer Mitglieder im Sinne einer Aufrechterhaltung der Versorgung auf Landes- wie auf Bundesebene verstärkt wahrnehmen.“

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