Vorträge und Berichte

Rund um das Thema Selbsthilfe stellen sich den Menschen zahlreiche Fragen. Wie arbeiten Selbsthilfegruppen eigentlich? Wie verbreitet sind Selbsthilfegruppen in Deutschland und Baden-Württemberg? Wo sind die Schnittstellen zu den Ärzten? Wie können sich Patienten über gesundheitliche Themen informieren? Was ist zu tun, wenn...? Und viele mehr.

Die KVBW lädt regelmäßig zu gemeinsamen Veranstaltungen für Selbsthilfegruppen, Ärzte und Gesundheitsexperten ein, um den Erfahrungsaustausch zu fördern. Außerdem beteiligt sich die KVBW an einer Reihe von Gesundheitstagen und Veranstaltungen, um die medizinische Kompetenz der Ärzte und Psychotherapeuten einzubringen. Seit der ersten Fachtagung Selbsthilfe, 2004 in Stuttgart, gab es viele interessante Begegnungen.  Die informativen Referate und Veranstaltungsberichte zu grundlegenden Fragen stehen Ihnen hier als PDFs zur Verfügung und werden laufend ergänzt.

Berichte über Fachtagungen zur Selbsthilfe

Fachtagung Seltene Erkrankungen

Die Seltenheit einzelner Erkrankungen erschwert die medizinische Versorgung  der Patienten – sowohl in fachlicher Hinsicht, als auch strukturell und  ökonomisch. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Baden-Württemberg initiierte in Kooperation mit der LAG KISS, der LAG SELBSTHILFE Baden-Württemberg und dem Paritätischen Baden-Württemberg erstmalig eine Fachtagung zum Thema „Seltene Erkrankungen“, um Behandler und Betroffene bei diesen Herausforderungen zu unterstützen. Mit rund 100 Teilnehmern (je zur Hälfte Ärzte und Psychotherapeuten und Vertreter von Selbsthilfegruppen) war die Veranstaltung gut besucht.

Deutschland noch als „Entwicklungsland“

Dr. med. Christine Mundlos, ACHSE-Lotsin an der Charité, hielt ein eindrucksvolles Einführungsreferat zum Thema „Wie gestaltet sich die Versorgung von Patienten mit Seltenen Erkrankungen insgesamt?“. Im Anschluss daran stellte Prof. Dr. Olaf Rieß, Facharzt für Humangenetik und Leiter des Zentrums für Seltene Erkrankungen (ZSE) der Uni-Tübingen, den Aufbau und die Arbeitsweise des ZSE vor. Exemplarisch stellte er die Odyssee vieler Patienten mit Seltenen Erkrankungen bis zur fachkundigen medizinischen Behandlung dar. In den anschließenden Diskussionen wurde deutlich, dass für eine frühzeitige Diagnosestellung von Patienten mit Seltenen Erkrankungen alle medizinischen Fachrichtungen auch über die Grenzen von ambulanter und klinischer Versorgung hinweg besser zuzsammenarbeiten müssen. Außerdem ist es dringend notwendig, mehr Geld für die Diagnostik und Forschung von Seltenen Erkrankungen zur Verfügung zu stellen. Prof. Rieß verdeutlichte anhand einer Aufstellung, dass Deutschland beim Umgang mit Seltenen Erkrankungen im europäischen Vergleich eher als „Entwicklungsland“ einzustufen ist.

Am Nachmittag diskutierten Selbsthelfer und Ärzteschaft in vier konstruktiven Workshops, wie die Versorgung der Patienten mit Seltenen Erkrankungen gemeinsam verbessert werden könnte. Die Selbsthilfegruppen spielen eine außerordentlich wichtige Rolle, da durch diese häufig das geringe überhaupt vorhandene Wissen zusammengetragen und weitergegeben werden kann.

Hausärztliche Spürnase gefragt

In einem Impulsreferat unterstrich Dr. Jürgen de Laporte, dass er sich beim Verdacht auf eine Seltene Erkrankung auf seine „hausärztliche Spürnase“ verlasse. Er betonte jedoch gleichzeitig, dass für eine schnellere Diagnosestellung eine Telefonsprechstunde für Hausärzte an den ZSEs eingerichtet werden solle. Prof. Rieß wies auf die Probleme in den ZSEs hin, in denen stapelweise Patientenakten ankommen, aufgrund der Unterfinanzierung jedoch keine Zeit bleibt, um diese adäquat zu sichten. Deshalb wünschen sich die ZSEs von ihren niedergelassenen Kollegen eine kurze und punktgenaue Aufarbeitung der Fälle.

Trotz aller ungelösten Probleme konnten in den vergangenen Jahrzehnten beeindruckende Erfolge in der Behandlung von Patienten mit Seltenen Erkrankungen erreicht werden, die sich in verlängerter Lebenszeit messen lassen.

Ein ungelöstes Problem bleibt die so genannte Transition bei der Behandlung von Seltenen Erkrankungen, die meist im Kindesalter diagnostiziert werden. Eine Teilnehmerin wünscht sich eine bessere Überleitung vom Pädiater zum Erwachsenenmediziner. Sie gibt zu bedenken: „Als Erwachsene geht man nicht mehr gerne in die Kinderklink zur Behandlung.“

Im Verlauf der Tagung wurden viele wichtige Punkte erarbeitet, die es umzusetzen gilt, damit für diese Patienten „dem Suchen schneller ein Ende und dem neuen Leben ein Anfang“ bereitet werden kann.

Dr. med. Christine Mundlos, ACHSE-Lotsin an der Charité
Prof. Dr. Olaf Rieß, Leiter des Zentrums für Seltene Erkrankungen (ZSE) der Uni-Tübingen
Dr. med. Christine Mundlos, ACHSE-Lotsin an der Charité
Mit rund 100 Teilnehmern war die Veranstaltung gut besucht.
Frank Kissling, LAG SELBSTHILFE Baden-Württemberg (links)
Claus-Peter Eisenhardt, DGM (rechts)
Fachausstellung im Foyer:
PRO RETINA Deutschland

Fortbildungsveranstaltungen zur Selbsthilfe

Versorgungs-Forum AD(H)S Baden-Württemberg

Zum Versorgungs-Forum AD(H)S kamen mehr als 120 Teilnehmer, um über die aktuelle Versorgungssituation, der laut Statistik ca. 70.000 von AD(H)S betroffenen Patienten, in Baden-Württemberg zu diskutieren. Mit einer Zweidrittelmehrheit der Teilnehmer waren die Ärzte und Psychotherapeuten beim Forum sehr zahlreich vertreten. Weitere Teilnehmer kamen aus dem Bereich der Selbsthilfe oder der sonstigen Behandler.

Das "Versorgungs-Forum AD(H)S Baden-Württemberg" wurde von Daniela Fuchs, Kooperationsberaterin für Ärzte/Psychotherapeuten und Selbsthilfegruppen (KOSA) der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg sowie Frau Riedelbauch, Landesgruppenleiterin des ADHS Deutschland e.V. organisiert und moderiert. Herr Wachendorf, Vorstandsbeauftragter der KVBW, begrüßte die Teilnehmer zur Veranstaltung.

Der ADHS-Vertrag fördert die interdisziplinäre Kollegialität.

Seit 1. April 2009 besteht der AD(H)S-Versorgungsvertrag in Baden-Württemberg. Frau Dr. med. Christa Schaff, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Nervenheilkunde, war als Vorstandmitglied ihres Berufsverbandes des BKJPP maßgeblich an dessen Entstehung und Einführung beteiligt. Im Rahmen ihres Vortrages mit dem Titel "Versorgung der Kinder und Jugendlichen mit AD(H)S in Baden-Württemberg - Einführung und Überblick" zeigte sie anhand von Statistiken auf, was sich zwischenzeitlich bei der Versorgung der Patienten aufgrund des Vertrages verändert hat. Es wurde deutlich, wie durch den modularen Aufbau der Therapie, eine individuelle auf den Patienten und sein Umfeld abgestimmte Behandlung gelingen kann. Wesentliche Kernziele des Vertrages konnten bereits erreicht werden. Das Herzstück des Vertrages ist zweifellos die interdisziplinäre Teamarbeit, in den regionalen AD(H)S-Teams, welche sich spürbar positiv auf die Arzt-Patienten-Beziehung auswirkt. Zusätzlich werden die ko-morbiden Störungen besser erkannt und behandelt. Frau Dr. Schaff hebt positiv hervor, dass es gelungen ist, eine bessere extra budgetäre Vergütung für die Behandlung der Patienten zu erreichen, bedauert jedoch, dass die interdisziplinäre Kooperation der involvierten Fachleute noch immer nicht honoriert wird. Alles in allem stellt der Vertrag ein Novum dar, da es erstmalig gelungen ist, drei Berufsgruppen zu Behandlungsteams zusammen­zu­fassen. Hierfür erntete Frau Dr. Schaff auch von ihrem Nachredner Prof. Renner ein großes Lob. In ihrem Fazit betonte sie, wie wichtig es wäre, eine flächen­deckende Versorgung auf diesem Niveau zu erreichen. Dafür müssten sich jedoch – neben niedergelassenen Kinderärzten, Kinder- und Jugendpsychiatern und Kinder- und Jugendpsychotherapeuten – weitere Krankenkassen dem Vertrag anschließen.

Die genetische Wissenschaft des Krankheitsbildes hat sich stark weiterentwickelt, dabei aber die Therapie nicht vereinfacht

Im zweiten Referat "Update Pharmakotherapie bei AD(H)S" berichtete Prof. Dr. med. Tobias Renner, Ärztlicher Direktor der Psychiatrie und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter der Universität Tübingen, über die Wirkungsmechanismen, Chancen und Risiken der pharmakologischen Behandlung der AD(H)S. Sein Bericht stellte die positiven Effekte der Medikation bei eindeutiger Diagnosestellung ausführlich dar. Selbst nach der Zulassung neuer Substanzen wie Atomoxetin und Lisdexamphetamin sowie der anstehenden Markteinführung von Guanfacin zur Behandlung der AD(H)S, bleibt Methylphenidat die Medikation der ersten Wahl. Ein nicht unerheblicher Teil der anschließenden Diskussion galt der Frage einer medikamentösen Behandlung extrem auffälliger Kinder bereits vor dem siebten Lebensjahr. Professor Renner warnte jedoch vor einem allzu frühen Einsatz von Medikamenten. Dabei betonte er, dass es bei der medikamentösen Behandlung der AD(H)S nicht um bessere Leistungen gehe, sondern um eine verbesserte Selbststeuerungsfähigkeit der Betroffenen insbesondere im sozialen Bereich, damit nicht Ausgrenzung und Aussonderung das Leben der AD‍‍‍‍‍‍(H)‍‍‍‍S-Kinder und Jugendlichen bestimmt.

Der Zeitpunkt der endgültigen Verabschiedung der S3 Leitlinie bei AD(H)S bleibt offen

Nach einer Pause sprach im zweiten Vortragsblock Dr. med. Matthias Gelb, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Mitglied der AWMF-Leitlinien-Kommission ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter (S3), über "Aktuelles zu den Leitlinien bei AD(H)S". Die Leitlinien sind gewissermaßen das wissenschaftliche Gerüst der Diagnose und Therapie der AD(H)S; die S3-Leitlinie steht dabei für eine syste­ma­tische Recherche, Auswahl und Bewertung wissenschaftlicher Belege sowie evidenz­basierte Therapieempfehlungen. Dr. Gelb verdeutlichte, wie problematisch die Erarbeitung der S3 Leitlinie durch die Interessenskonflikte der involvierten Fachleute ist. Letztlich konnte man nach mehr als vier Jahren diese Leitlinie noch nicht fertigstellen. Insbesondere da häufig die bereits alltäglich angewandten Verfahren bis heute nicht oder nur unzureichend wissenschaftlich evaluiert wurden.

Durch geweckte Leidenschaft erreichen AD(H)S Kinder Höchstleistungen

Abschließend sprach der Psychologe und 2. Vorsitzende des ADHS Deutschland e.V., Dr. Johannes Streif, über "Psychologische Interventionen bei AD(H)S" jenseits des Störungsbegriffs. Dr. Streif betonte, wie wichtig in der Therapie der AD(H)S der Blick auf die konkreten Probleme des einzelnen Betroffenen sowie seines sozialen Umfelds ist. Das thera­peutische Handeln, sollte die von AD(H)S betroffene Person und deren individuellen Entwicklungs­bedürfnisse in den Mittel­punkt stellen und nicht grund­sätzliche Erwägungen zur AD(H)S, erklärte der Referent. Zugleich hielt Dr. Streif Therapeuten, Eltern und auch die Patienten selbst dazu an, sich im Vorfeld der Wahl einer Therapie intensiv Gedanken darüber zu machen, welches Ziel damit erreicht werden soll und kann. Im Verlauf muss stets von allen involvierten Personen aufs Neue reflektiert werden, ob die Therapie die Erwartungen erfüllt, oder ggf. das therapeutische Handeln angepasst werden muss, um die erhofften Ergebnisse zu erreichen. Beim Auftreten einer Störung wie der AD(H)S, der eine in hohem Maße physiologisch disponierte Steuerungs­problematik zugrunde liegt, sollte auf eine praxis­nahe Bewältigung des Alltags der Betroffenen genauso viel Wert gelegt werden, wie auf die individuelle thera­peutische Behandlung der Patienten.

Die Veranstaltung stellte sowohl für die anwesenden Fachleute wie auch für die teilnehmenden Vertreter der Selbsthilfe einen Gewinn dar. Dies kam besonders in den Frage­runden zum Ausdruck.
Als Dankeschön für ihre gelungenen Vorträge überreichte Frau Riedelbauch vom ADHS Deutschland e. V. den Referenten einen Bildband zum Thema AD(H)S.

Dipl.-Psych. Rolf Wachendorf
Prof. Dr. med. Tobias Renner
Dr. Johannes Streif
Dr. med. Christa Schaff
Dr. med. Matthias Gelb
Frau Fuchs und Frau Riedelbauch
Teilnehmer der Veranstaltung

Essstörungen erfolgreich behandeln

Rund 150 Teilnehmer folgten der Einladung zur Fortbildung "Essstörungen erfolgreich behandeln" für Ärzte und interdisziplinäre Fachkräfte, die die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) in Kooperation mit dem Arbeitskreis Essstörungen Stuttgart am 19. November 2014 angeboten hat. Über 100 Ärzte und Psychotherapeuten kamen, um über die zunehmenden Erkrankungen und deren Behandlung zu diskutieren.

Uwe Keller, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Mitglied des Bezirksbeirates der KVBW-Bezirksdirektion Stuttgart moderierte die Veranstaltung. Von Seiten des Arbeitskreises Essstörungen Stuttgart begrüßte Marianne Sieler die Teilnehmer. Sie hatte die Kooperationsveranstaltung gemeinsam mit Daniela Fuchs, Referentin der Kooperationsberatung für Ärzte/Psychotherapeuten und Selbsthilfegruppen (KOSA), organisiert.

Interdisziplinäre Behandlungsansätze können etwas bewegen

Den einführenden Fachvortrag hielt Dr. Dietrich Munz, Präsident der Landes­psychotherapeuten­kammer. Er ging ausführlich auf die Diagnostik und Therapie der Krankheitsbilder Anorexia Nervosa, Bulimia Nervosa und Binge-Eating-Störung ein. Diese Informationen bildeten die Grundlage für die anschließende Podiumsdiskussion. Alle Teilnehmer betonten hierbei immer wieder die Notwendigkeit einer interdisziplinären Zusammenarbeit. Nur in der gemeinsamen Behandlung durch Kliniken, niedergelassene Psychotherapeuten und Ärzte, Ernährungsberater und die Kinder- und Jugendhilfe lässt sich für die Betroffenen etwas bewegen. Der Heilungsweg kann individuell unterschiedlich sein und aus verschiedenen der genannten Behandlungselemente bestehen. Aus Sicht der Podiumsteilnehmer ist es wichtig, dass die Patienten einen kontinuierlichen Ansprechpartner haben, von dem sie Orientierung und Koordination auf ihrem Therapieweg erhalten. Diese Funktion können Ärzte und Psychotherapeuten sehr gut übernehmen. Unterstützung bietet ihnen das Netzwerk des Arbeitskreises Essstörungen Stuttgart. Wichtig darüber hinaus sind die niederschwelligen Angebote der Beratungsstellen. Diese übernehmen oftmals eine wichtige Türöffner-Funktion. Betroffene und deren Angehörige erfahren dort erste Hilfe und Motivation zur Behandlung.

In der Diskussion wie auch an Informationsständen fanden die ergänzenden Hilfestellungen von Selbsthilfegruppen zum Thema Essstörungen ihren Raum. Manche Patienten profitieren sehr von dieser zusätzlichen Unterstützung. Die Experten stuften es als sehr sinnvoll ein, die Betroffenen zu ermutigen diese Möglichkeit auszuprobieren.

Gute Vernetzung der Therapieangebote

Die einheitliche Forderung der Podiumsteilnehmer an die Niedergelassenen lautete: „Bitte wagen Sie es, Ihre Patienten frühzeitig auf eine Essstörung anzusprechen. In Stuttgart und Umgebung gibt es eine gute Vernetzung der ambulanten und stationären Therapieangebote, die eine rasche und erfolgsversprechende interdisziplinäre Behandlung ermöglicht.“

Die Podiumsteilnehmer: Dr. M. Enzenhofer, P. Funk-Wentzel, A. Haas-Hallwachs, B. Lackus-Reitter, Dr. H.-P. Mai, R. Dipper, Dr. D. Munz und M. Sieler.
Den einführenden Fachvortrag hielt Dr. Dietrich Munz, Präsident der Landes­psychotherapeuten­kammer.
Vom Arbeitskreis Essstörungen Stuttgart begrüßte Marianne Sieler die Teilnehmer.
Uwe Keller, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Mitglied des Bezirksbeirates der KVBW-Bezirksdirektion Stuttgart.

Post-Polio-Symposium

Zu Ehren des 100. Geburtstages des Impfstoff-Erfinders Dr. Jonas Salk hatte die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg zu einem Symposium nach Stuttgart eingeladen. Rund 155 Teilnehmer kamen. Die Beteiligung von fast 50 Ärzten und Psychotherapeuten zeigt die immer noch große Brisanz der Folgeerscheinungen der Polioepidemie. Für den Gastgeber begrüßte Dr. Michael Jaumann, KVBW-Bezirksbeirat für Stuttgart und HNO-Arzt mit Schwerpunkt Umweltmedizin, die Teilnehmer.

Geplant und organisiert haben die Veranstaltung Daniela Fuchs in ihrer Funktion als Kooperationsberaterin für Ärzte/Psychotherapeuten und Selbsthilfegruppen (KOSA), Margit Marte vom Bundesverband Poliomyelitis und Ingrid Elster von der Polio Initiative Europa. Namhafte Experten aus Medizin und Therapie referierten zu den Themen Neurologie, Anästhesie, Schmerztherapie, Orthopädie und Physiotherapie. So verschieden die Schwerpunkte auch waren bedauerten die Referenten doch einmütig, dass in unserem Gesundheitssystem nicht ausreichend Behandlungszeit für den Patienten zur Verfügung steht.

Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam

Wer kennt ihn nicht, den Slogan aus der Polio-Impfkampagne? Dank der Erfindung des Impfstoffs im Jahr 1961 und der breit angelegten Schluckimpfung ist Kinderlähmung in unseren Breiten nahezu ausgestorben. Europa und damit auch Deutschland gelten als poliofreie Zone. Was das bedeutet, kann niemand besser beurteilen als ehemals an Kinderlähmung Erkrankte. Bei vielen Patienten kommen nach Jahren der Stabilität die körperlichen Beschwerden als Post-Polio-Syndrom (PPS) wieder. Oftmals gesellen sich neue Beschwerden hinzu. Die Polio-Patienten und Selbsthilfegruppen mussten lange für die Anerkennung des Post-Polio-Syndroms kämpfen.

Gesundheitssystem nicht immer patientenfreundlich

Prof. Dr. Alfred Lindner, Ärztlicher Direktor der Klinik für Neurologie am Marienhospital in Stuttgart: „Das Wichtigste bei einem Neurologen ist das Gespräch, für das im Klinikalltag aus wirtschaftlichen Gründen leider nicht ausreichend Zeit zur Verfügung steht.“ Lindner ging in seinem Vortrag ausführlich auf die Historie der Kinderlähmung ein. Auch ein Baden-Württemberger hat Geschichte geschrieben: Jakob von Heine, gebürtiger Badener und später Chef einer orthopädischen Klinik in Bad Cannstatt, hat als erster die Krankheit erkannt und beschrieben. Nach Jahren einer „stabilen Phase“ tritt die Erkrankung mit Symptomen wie beispielsweise abnormer Müdigkeit, Atem- und Schluckbeschwerden oder auch Schlafapnoe als Post-Polio-Syndrom wieder in Erscheinung. Angesichts der Komplexität müssen alle Spezialisten, Diagnostiker und Therapeuten, eng zusammenarbeiten. Lindner ermuntert die Teilnehmer abschließend, sich bei gesundheitlichen Beschwerden keinesfalls pauschal als PPS-Patient abspeisen zu lassen: „Es gibt viele Begleiterkrankungen, die erfolgreich behandelt werden können.“

Sorge vor der Narkose ist unbegründet

Prof. Dr. med. Franz Kehl, Ärztlicher Direktor der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin des Städtischen Klinikums Karlsruhe, versuchte, den PPS-Patienten die Angst vor Narkosebehandlungen zu nehmen. Wichtig ist, dass die Ärzte über die Erkrankung informiert sind. Hierfür dient ein allumfassendes Prämedikationsgespräch, da das Narkosemittel auf die Atembeschwerden und weitere Einschränkungen der Patienten abgestimmt werden muss. Mit der ASA-Klassifikation werden die Patienten bezüglich ihres körperlichen Zustandes in verschiedenes Gruppen eingeteilt. Auch sind zum Beispiel die körperliche Belastbarkeit und ein Lungenfunktionstest wichtige Faktoren. Sicherheit über einen guten und richtigen Verlauf der Anästhesie gibt dem Narkosearzt in der modernen Medizin das während der OP eingesetzte Monitoring. Für den Patient ist es von Vorteil, die beste Lagerungsposition für die OP selbst bestimmen zu können. Während und nach der OP muss auf eine konstante Körpertemperatur geachtet werden, da PPS-Patienten eine Kälteintoleranz aufweisen. In der postoperativen Phase spielen noch viele weitere Aspekte bei PPS-Patienten eine Rolle, weshalb Prof. Kehl eine mindestens 24-stündige Überwachung auf der Intensivstation empfiehlt.

Der zweite Teil des Vortrages bezog sich auf die Schmerztherapie bei PPS-Patienten. Durch die fortschreitende Muskeldystrophie und die damit verbundene stärkere Abnützung der Knochen und Gelenke entstehen zunehmend chronische Schmerzen. Hier ist ein ganzheitlicher Ansatz gefragt, bei dem der Mensch mit Körper, Seele und sozialem Leben gesehen und in der Schmerzerkrankung behandelt wird. Dies kann nur eine ambulante Behandlung in einem Schmerzzentrum leisten. Kehl fordert daher für PPS Patienten eine multimodale interdisziplinäre Schmerztherapie.

B91 und G14 sind die ICDs für Poliofolgezustände und PPS

Nach der Mittagspause referierte Dr. med. Axel Ruetz, Chefarzt der Klinik für Konservative Orthopädie und des Polio-Zentrums in Koblenz. Die Klinik Koblenz hat ein modulares stationäres Diagnose- und Behandlungskonzept für Poliospätfolgen entwickelt. Seit 2014 hat die „Klinik für Kämpfer“ sogar eine Polio-Station. Hier kann durch diverse Untersuchungen und Tests die richtige Gymnastik- und Bewegungstherapie zum Erhalt der Muskulatur entwickelt werden, ohne Muskelaufbau zu betreiben, denn dieser schadet den PPS-Patienten. Zudem bietet das Poliozentrum eine auf den Patienten abgestimmte Schmerztherapie sowie eine bedarfsgerechte Orthesen-Versorgung mit entsprechender Gebrauchsschulung an. Gerade bei der Orthesen-Versorgung kann durch die richtige Wahl bei Erstverordnung viel Geld und Muskelkraft gespart werden. Trotz einer guten Orthetik entsteht nach Jahren Arthrose, die Gelenke verschleißen und müssen durch Endoprothesen ersetzt werden. Ruetz appelliert eindringlich an die Operateure, vor dem Eingriff keine Angst zu haben. Nach sorgfältiger Vorabinformation gilt es die geeigneten Maßnahmen zu ergreifen. In der Regel sind minimal invasive Eingriffe die erste Wahl.

Die Kraft der Muskeln ist begrenzt, die Kraft des Geistes unendlich

Das Abschlussreferat mit dem Titel: „Physiotherapie als Chance“ hielt Daniela Krusche vom Neurologischen Rehabilitationszentrum Quellenhof in Bad Wildbad. Sie arbeitet dort seit 1996 als Physiotherapeutin. Die Wichtigkeit der Muskulatur erhaltenden Therapie hatten bereits die Vorredner angesprochen. Für PPS-Patienten gilt der Grundsatz „Koordinations- statt Krafttraining“. Die Trainingsintensität liegt bei 20 bis 60 Prozent. Hier sind Physiotherapeuten besonders auf die Rückmeldungen der Patienten angewiesen. Durch ständiges Feedback der Patienten entwickelt Krusches Team die optimale Übungsdauer und Intensität, sodass die Patienten ihr individuelles Trainingsprogramm zuhause fortsetzen können. Dabei stehen verschiedene Behandlungskonzepte zur Verfügung, die spezifisch eingesetzt werden. Daniela Krusche fordert, dass die Patienten ihre Einschränkungen und Probleme gegenüber dem Therapeuten ansprechen, um die Übungen besser anpassen zu können. Den behandelnden Ärzten empfiehlt sie eine exakte Verordnung, zum Beispiel Krankengymnastik mit dem Zusatz „auf neurologischer Basis“.

In den Fragerunden wurde deutlich, wie gut informiert die Teilnehmer aus Selbsthilfegruppen über die Krankheit sind. Mancher hat sich im Lauf seiner Leidensgeschichte ein Expertenwissen angeeignet.

Als Zeichen der Verbundenheit erhielten die Referenten von den Polioverbänden gerahmte asiatische Schriftzeichen. Diese bedeuten übersetzt: „Die Kraft der Muskeln ist begrenzt, die Kraft des Geistes unendlich.“

Margit Marte (rechts) vom Bundesverband Poliomyelitis und Ingrid Elster von der Polio Initiative Europa begrüßten die Teilnehmer.
Bezirksbeirat Dr. Michael Jaumann freut sich über das Geschenk von Margit Marte.
Prof. Franz Kehl ist schon gespannt auf den Bericht aus der „Klinik für Kämpfer“.
Dr. Axel Ruetz, Chefarzt der Klinik für Konservative Orthopädie und des Polio-Zentrums in Koblenz
Letzte Aktualisierung: 03.05.2017